Texte (d)

Photobastei – Ansprache – Karlheinz Weinberger oder die Ballade von Jim

von Patrik Schedler
„Ich bin ein absoluter Ästhet.
Mich interessiert, seitdem ich fotografiere, nur der Mensch, sei es in seiner Umwelt, oder auch nur als Portrait. Meine ganze Schwäche galt der Fotoreportage auf allen Gebieten meines fotografischen Schaffens. Ich fotografierte nur, was mir Freude machte und auch meine ganzen erotischen Gefühle sublimierte ich in die Fotografie. Wie man aus der Ausstellung ersieht, waren meine Sinne stets nur auf das Schöne und das Extravagante gerichtet und was für mich charakteristisch war. Auch wenn manches manchmal nicht meinen Vorstellungen entsprach, faszinierte mich die Ausstrahlung des Motivs.
Ich hatte das unglaubliche Glück, dass ich, wo immer ich auch auftauchte, uneingeschränkt fotografieren durfte. Was Sie heute sehen, ist mein gelebtes Leben, ein wunderschönes Leben, das nur ganz der Fotografie gewidmet war. Ich danke all denen, die ich mit meiner Kamera festhalten durfte und die danke all denen, die selber Freude daran hatten, von mir fotografiert zu werden.
Höhepunkte in meinen Leben waren meine Ferienaufenthalte in Sizilien, Lampedusa, Lipari und Tanger, nebst Paris, Salzburg und Wien, sowie meine Fotoausstellungen.(…)
Zürich, 6. Februar 2002“
Dieses kurze Statement verfasste Karlheinz Weinberger zu seiner Ausstellung „Gelebtes Leben“, die er 2002 in meiner Galerie, drei Strassen weiter von hier, zeigte.
Diesen Sommer habe ich eine kleine Biografie über Karlheinz Weinberger geschrieben. Dabei half mir die Analyse jener Ausstellung, zu rekonstruieren, wer Weinberger war, als Mensch und als Künstler.
Diese Ausstellung, die Sie hier in der Photobastei sehen, habe ich entlang der wichtigsten Stationen seines Lebens entworfen und in Gruppen organisiert, wie er selbst sein Werk eingeteilt sehen wollte: Arbeiter, die Reisen in den Süden, Fasnacht, Zirkus, Sport, Portraits, Halbstarke, Rocker, Tattoo und ganz zuletzt die Geschichte mit Alex, die sein Leben beschliesst und die damals, in der Ausstellung von 2002 noch im Gange war.
Weinberger wurde 1921 in Zürich geboren. Bis auf wenige Jahre in seiner Kindheit verbrachte er sein ganzes Leben im Haus an der Elisabethenstrasse. Seine Wohnung war auch das Zentrum seiner Fotografie. Sicher die Hälfte aller Bilder machte er dort, in der zum Studio umfunktionierten Stube, im Estrich, auf dem Dach oder in kleinen Gärtchen hinter dem Haus.
Der Titel der Ausstellung heisst ja: Karlheinz Weinberger oder die Ballade von Jim.
Die Ballade vom Nigger Jim war ein deutsches Chanson aus dem Jahre 1931, das im Repertoire der Arbeiterjugendgruppen gesungen wurde. Als junger Mann war Weinberger mit seiner Gitarre und seiner musikalischen Begabung viel unterwegs mit den Naturfreunden. Dort lernte er das Lied von einem Liebhaber. Es handelt von einem Schwarzen, der bloss weil er schwarz ist, aus der Tram fliegt und später getötet wird. Im Himmel dann erkundigt er sich, ob es auch dort, wie in der Tram, einen Bereich für weisse Gentleman und einen Bereich für Nigger gäbe.
Wenige Jahre später wurde Weinberger in den „Kreis“ aufgenommen, diese frühe Organisation Homosexueller, wo er es an einem Clubabend mutmasslich im frühen Herbst 1948 vortrug. Seit jenem Abend nannten ihn seine Kameraden Jim.
Auf Jim bin ich gestossen, als ich 1990, kurz nachdem wir das Schwulenarchiv gründeten, alle Nummern des Magazins „Der Kreis“ durchblätterte und die Illustrationen studierte. Die besten Fotos, und davon gab es viele, waren mit dem Namen ‚Jim‘ gekennzeichnet. Diesen Jim lernte ich allerdings erst zehn Jahre später persönlich kennen.
Jim war im „Kreis“ zuerst als Sänger und Schauspieler aktiv, aber ab 1952 wurden seine Fotos regelmässig im Magazin publiziert. Ungefähr zur gleichen Zeit, als in Zürich die ersten Halbstarken auftauchen, das ist um 1958 herum, zieht sich Jim allmählich aus dem aktiven Club-Leben zurück. Sein Interesse gilt fortan dieser quasi vor seiner Haustüre und sogar in seiner eigenen Wohnung sich entwickelnden Jugendbewegung. Es ist aber auch die Zeit, wo er viel reist, in den Süden, nach Italien, Südfrankreich, Sizilien, Lampedusa und nach Marokko. Diese Reisen werden ihm ermöglicht von einem vermögenden Mitglied des „Kreis“, seinem lebenslangen Förderer und Mäzen Eugen Laubacher. Seit 1962 fotografiert Weinberger auch für die Arbeitersportmagazine Satus-Sport und Sport, für die er zweimal an Weltmeisterschaften in die DDR reist.
1964 endet die Halbstarken-Zeit. Weinberger ist mit dabei auf der St.Petersinsel, wo sich die Halbstarken der Schweiz ein letztes Mal treffen. Einige verbrennen ihre Klamotten und werden bürgerlich, andere, wie Tino Schippert, der spätere Gründer der Hells Angels gehen in den Untergrund, wohin Weinberger ihnen mit seiner Kamera folgt.
Ende 1967 stellt der Kreis sein Erscheinen ein. Jim publiziert auch noch im Nachfolgemagazin ‚Club68‘. 1967 ist aber auch das Geburtsjahr der Rocker-Szene in der Schweiz. Es beginnt mit den ‚Lone Star Camps‘ in Gossau und in Bad Ragaz. Die noch jungen Rocker nehmen den Weinberger mit, damit er fotografiert.
Nun sind die Rocker seine Heimat. Es entstehen Freundschaften. Wie früher die Halbstarken kommen auch die Rocker an die Elisabethenstrasse, feiern mit Weinberger Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Wenn wieder einmal einer im Knast landet, ist es stets Weinberger, der ihm Zigaretten schickt, ihn aufmuntert und ihm hilft, wenn er wieder rauskommt.
Er ist an praktisch allen Anlässen der verschiedenen Rockergruppen dabei, an den Camps, Clubabenden, später den Harley-Treffen und immer als Fotograf. Schon immer faszinierten ihn Tätowierungen. Die Rocker verzieren die Tanks ihrer Maschinen und sie lassen sich tätowieren. Diesen Sujet widmet Weinberger in den 90er Jahren eine eigene Ausstellung.
Während seines Erwerbslebens fotografierte Weinberger immer nur in der Freizeit, nach der Pensionierung kann er sich nun voll der Fotografie widmen.
Die Öffentlichkeit wird auf ihn allerdings erst im Jahr 2000 aufmerksam, als die Kuratoren Mattioli und Binder ihm im Museum für Gestaltung eine grosse Ausstellung widmen.
In den Nullerjahren wurde dann Weinberger international als der Fotograf der Halbstarken wahrgenommen, etwas, das ihm gar nicht passte. Erst allmählich konnte dieses Image korrigiert werden.
Die Auseinandersetzungen um die Anerkennung seines Werks, schätze ich, sind vorläufig beigelegt. Mit der erfolgreichen Ausstellung an den ‚Rencontres d’Arles‘ 2017, die von einem der bedeutendsten Kuratoren für Fotografie, François Cheval, konzipiert wurde, ist Weinberger nun mindestens in den Olymp der Fotografen aufgestiegen.
Ein Thema beschäftigt mich allerdings heute noch. Es gibt diesen merkwürdigen Vorbehalt, das gespannte Verhältnis der Öffentlichkeit und derjenigen, die für die Öffentlichkeit sprechen, zu seiner Homosexualität.
Als ich im vergangenen Sommer für mein Buch recherchierte, fielen mir bei der Durchsicht der Medienspiegel zu seinen Ausstellungen, aber auch durch die Auswertung von zahlreichen Gesprächen, die ich oder Michele Cirigliano führten, zwei Tendenzen auf: die Abwertung oder die Wegwertung. Das klingt vereinfacht so. Abwertung: Der homosexuelle Fotograf hat Halbstarke und Rocker fotografiert (darum sind das schwule Bilder und deswegen nur halbwegs interessant). Wegwertung: Obwohl homosexuell, hat Weinberger gute Fotos gemacht. Was ich eigentlich nie gefunden habe, ist die Aufwertung, die heissen würde: Weil Weinberger homosexuell war, hat er ein so grossartiges Werk erschaffen können – seine Homosexualität und die besondere Weise, wie er mit dieser gesellschaftlichen Markierung und Deklassierung umgegangen ist, haben ihn zum Meister seines Werks prädestiniert und Meisterwerke entstehen lassen. Der homoerotische Blick ist in seinem Fall tatsächlich eine Gabe, die sich mit einer Begabung mischte.
Es erweist sich deutlich, dass dieser Fotograf durchaus kein pornographischer, sondern ein metaphysischer Künstler ist.
Die künstlerische Arbeit, die uns heute vorliegt, ist erheblich tiefer, als was wir auf den ersten Blick zu sehen glauben. Es fordert uns eine geistige Anstrengung ab, die Intensität seiner Erlebnisse, die er uns sichtbar macht, in ihrer gewaltigen Dimension zu erfassen.
Nur die grössten Fotografen haben aufgrund der Disposition ihrer inneren Wirklichkeit, wie Weinberger, es vermocht ein Äusserstes an Exhibition offenbar werden zu lassen.
Wir müssen dieses Werk existentielle Fotografie nennen, die kaum eine Vor-Bildung kennt, es sei denn in der Literatur existentieller oder vor-existentieller Autoren wie André Gide, Jean Cocteau, Jean Genet oder Tennessee Williams, alles Autoren, die Weinberger las.
Zwischen Weinberger und jüngeren Fotografen wie Nobuyoshi Araki, Mark Morrisroe, Peter Hujar, Allen Frame oder Nan Goldin gab es keine Auseinandersetzung, womit man höchstens von parallelen Phänomenen sprechen kann. Wenn überhaupt ein früher Einfluss festzustellen ist, dann am ehesten vom kalifornischen Fotografen Bob Mizer.
Weinberger hat das ästhetische Gewissen, von dem Jean Genet in allen seinen Werken sprach, aber er ist – und das gehört zu seiner ausserordentlichen Souveränität – völlig unabhängig in der Wahl seiner Objekte und gibt uns ohne jede Vorsicht oder Rücksicht die Geheimnisse seines Begehrens preis.
Die Kuratoren der grossen Ausstellungen, die bisher von Weinberger gezeigt wurden: Ulrich Binder & Pietro Mattioli, (Museum für Gestaltung, Zürich, 2000) Gianni Jetzer (Swiss Institute, NYC, 2011), François Cheval (Rencontres d’Arles, 2017) begannen bereits diesen Fotografen aus den herkömmlichen fotografischen Ordnungen und Kategorien herauszulösen. Ich selbst sehe ihn viel mehr in einem kunsthistorischen Kontext und vergleiche – wenn schon – sein Werk mit Künstlern wie Caravaggio, Goya, Courbet, Balthus und Warhol als mit zeitgenössischen Fotografen.
Sein Bekenntnis zu seinem Selbst, seinen ‚abweichenden Begierden‘ in der Form seines fotografischen Schaffens als ein Medium der Kunst verweigert uns eine beruhigende Einordnung in eine alltägliche Kategorie und wir können dieses Werk nicht verdünnen, indem wir einzelne Teile herauslösen und andere versuchen abzuwerten oder unsichtbar zu machen.
Das kommt zum Ausdruck, indem wir auch in dieser Ausstellung die  von Michele Cirigliano realisierte Dia-Show über Alex zeigen. Weinberger lernte Alex 1995 im Shopville kennen. Er nahm ihn mit und fortan besuchte Alex Weinberger über elf Jahre immer wieder und liess sich von ihm fotografieren.
Die über 1700 Bilder stammen aus dem inneren eines Sanktuariums. Weinberger machte diese Bilder zunächst aus einem privaten Interesse heraus, eine Form der Beziehung zu einem Menschen, den er liebte und begehrte, aber nicht berührte. Seine „Berührung“ erreichte ihn durch die Linse der Kamera und durch die Projektion der Dias. Aber dann entdeckte er darin ein grosses Werk. Was vordergründig als Pornographie erscheinen mag, ist in Wirklichkeit ein gewaltiges Gemälde, das vom Leben, vom Heiligen und vom Sterben erzählt.
Mit einem besonderen Dank an Michele Cirigliano, der mich bei meinen Recherchen unterstützte und Romano Zerbini und seinem professionellen Team, die diese Ausstellung ermöglichten, schliesse ich und wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.