Die Karlheinz Weinberger-Stiftung 

Die 2020 in Zürich errichtete Karlheinz Weinberger-Stiftung übernahm den umfangreichen Nachlass des bedeutenden und auch international bekannten Zürcher Fotografen (1921-2006) samt dem Urheberrecht an dessen Werk von Weinbergers testamentarischem Erben, dem 1963 geborenen Patrik Schedler, der im Februar 2020 viel zu früh verstarb.

Der Stiftungsrat setzt sich aus den folgenden fünf Personen zusammen, die mehrheitlich Institutionen im Zusammenhang mit dem Werk von Karlheinz Weinberger vertreten: Prof. Christian Koller ist Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs, Dr. Peter Pfrunder der ehemalige langjährige Direktor der Fotostiftung Schweiz in Winterthur, Beat Frischknecht vertritt die Heinrich Hössli- Stiftung, Besitzerin des Schwulenarchivs Schweiz.
Dr. Kai-Peter Uhlig berät die Stiftung in rechtlichen Fragen, Dr. David Streiff, ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Kultur, hat die Präsidentschaft übernommen, und fungiert seit Sommer 2023 auch als Geschäftsführer. Beat Frischknecht ist Vizepräsident.

Patrik Schedler war immer überzeugt, dass es längerfristig einer Stiftung bedürfe, welche für eine dauerhafte und von Einzelpersonen losgelöste Sicherung sorgen und dafür Verantwortung tragen würde, Weinbergers Werk in seinem ganzen Umfang zu erschliessen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Es entsprach Weinbergers Wunsch, dass der Nachlass im Schweizerischen Sozialarchiv, Zürich deponiert würde, zusammen mit dem dort schon länger befindlichen Schwulenarchiv Schweiz. Schedler hatte schon zu Lebzeiten Teile des Nachlasses dem Sozialarchiv übergeben, aber das meiste befand ich im Moment seines Todes in seinem Haus in Warth TG und in Paris bei der Berner Fotogaleristin Esther Woerdehoff. Es oblag der neu geschaffenen Stiftung, diese Bestände wieder zusammenzuführen. Dies gelang im Jahr 2021.

Durch die Aufteilung der Bestände zwischen Warth und Paris, durch die punktuelle Suche nach geeigneten Bildern für Ausstellungen, Editionen und Publikationen und dadurch, dass Patrik Schedler nur Teile des Nachlasses sichten konnte, war eine Ordnung, sofern es diese je gegeben hatte, nicht mehr vorhanden, so dass die Stiftung sich entschloss, eine neue, komplette Erfassung anzugehen. Seit Herbst 2024 bemüht sich David Streiff mit Hilfe von ehrenamtlichen Kollegen und einem Mitarbeiter des Sozialarchivs um eine genaue Erfassung der Bestände. Siehe dazu unter Textbeiträgen den Bericht von David Streiff zum Stand der Dinge von Herbst 2025. Seit April 2026 befindet sich der ganze Nachlass in vom Sozialarchiv gemieteten Archivräumen in Winterthur.

Der Fotograf und sein Werk

In seinem Zimmer, ca. 1939

Karlheinz Weinberger war ein Schweizer Fotograf, der sich in seinem Werk vorwiegend mit Menschen am Rande der Gesellschaft, mit Aussenseitern und outlaws beschäftigte. Unter dem Pseudonym JIM veröffentlichte er zwischen 1943 bis 1967 im international bekannten Schwulenmagazin Der Kreis Fotografien von Männern aus der Arbeiterklasse, Sportlern und Motorradfahrer. Seit den späten 50er Jahren fotografierte er die sogenannten Halbstarken, später Biker, Rocker, Tätowierte, usw. Als freier Sportreportagefotograf interessierte er sich vor allem für Ringen, Schwingen und Motorradsport.

Eine Auswahl seiner Fotografien zeigte er zu Lebzeiten in kleinstem Rahmen, zum Beispiel bei Siemens, wo er als Magaziner arbeitete, oder in der  Migros Klubschule, wo er schon 1980 zum Thema Halbstarke eine Ausstellung machte. 

Internationale Beachtung erhielt der zeitlebens als Amateur arbeitende Fotokünstler erst im Jahr 2000 mit einer grossen Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Zürich und einer ersten gewichtigen Publikation, die, herausgegeben von Ulrich Binder und Pietro Mattioli, gleichzeitig im Andreas Züst-Verlag erschien.

Karlheinz Weinberger verstarb 2006 in Zürich. Zwei Jahre später zeigte Patrik Schedler eine Auswahl von Weinberger Fotos in seiner Galerie, und organisierte eine auf der Ausstellung des Kunstgewerbemuseum basierende Ausstellung in der Photographers Gallery in London. 

Nach weiteren Jahren der Beschäftigung mit Weinbergers umfangreichen Nachlasses kam es 2011 zu einer von Gianni Netzer eingerichteten Ausstellung im Swiss Institute New York, die anschliessend in Ottawa und Basel gezeigt wurde. Diese Wanderausstellung hatte einen durchschlagenden Erfolg und führte zu zwei Publikationen: Swiss Rebels und Jeans. Seit dieser Zeit besitzt der Weinberger-Nachlass mit Bruce E. Hackney  einen passionierten, in New York lebenden Vermittler von  dessen Werk, der immer wieder Möglichkeiten findet, Sammler und Kuratoren auf Weinberger aufmerksam zu machen.

2017 kam es an den Rencontres in Arles zu einer weiteren umfassenden, von François Cheval kuratierten Weinberger-Ausstellung, die durch eine mehrsprachige Publikation begleitet wurde, die, von Esther Woerdehoff betreut, bei Steidl erschien. Im gleichen Jahr erschien im Zürcher Verlag Sturm & Drang ein erster Band einer Reihe, die einzelne Aspekte von Weinbergers Werk ganz den Bildern überlässt und ohne Legenden und ohne grössere Textbeiträge auskommt. Inzwischen sind vier Bände erschienen, ein fünfter ist in Arbeit. Siehe Bibliografie.

Ein Jahr später zeigten Patrik Schedler  und Esther Woerdehoff in der Photobastei Zürich eine weitere Ausstellung. Zeitgleich erschien die von Patrik Schedler verfasste Biografie zu Karlheinz Weinberger. Patrik Schedler sagte anlässlich der Vernissage der Ausstellung: 

„Die künstlerische Arbeit, die uns heute vorliegt, ist erheblich tiefer, als was wir auf den ersten Blick zu sehen glauben. Es fordert uns eine geistige Anstrengung ab, die Intensität seiner Erlebnisse, die er uns sichtbar macht, in ihrer gewaltigen Dimension zu erfassen.
Nur die grössten Fotografen haben aufgrund der Disposition ihrer inneren Wirklichkeit, wie Weinberger, es vermocht ein Äusserstes an Exhibition offenbar werden zu lassen.
Wir müssen dieses Werk existentielle Fotografie nennen, die kaum eine Vor-Bildung kennt, es sei denn in der Literatur existentieller oder vor-existentieller Autoren wie André Gide, Jean Cocteau, Jean Genet oder Tennessee Williams, alles Autoren, die Weinberger las.
Zwischen Weinberger und jüngeren Fotografen wie Nobuyoshi Araki, Mark Morrisroe, Peter Hujar, Allen Frame oder Nan Goldin gab es keine Auseinandersetzung, womit man höchstens von parallelen Phänomenen sprechen kann. Wenn überhaupt ein früher Einfluss festzustellen ist, dann am ehesten vom kalifornischen Fotografen Bob Mizer.
Weinberger hat das ästhetische Gewissen, von dem Jean Genet in allen seinen Werken sprach, aber er ist – und das gehört zu seiner ausserordentlichen Souveränität – völlig unabhängig in der Wahl seiner Objekte und gibt uns ohne jede Vorsicht oder Rücksicht die Geheimnisse seines Begehrens preis.“