Die in Paris erscheinende amerikanische Zeitschrift HOLIDAY hat ihre Nummer 395 dem Thema Zürich gewidmet, Darin fanden sich auch Fotos von Weinberger. Zu diesen Bildern erschien ein Essay von François Blet – auf englisch.
Hier der englische Text und das französische Original. Wir danken François Blet für das Recht, sie hier abzudrucken.
The Free Times of Karlheinz Weinberger
Jim wasn’t a professional photographer. He was a stock clerk in a Siemens factory in Zurich. In fact, Jim wasn’t his real name. It was a pseudonym he used to sign his photos, which were published in the underground gay journal Der Kreis from the 1950s to the late ’60s, before continuing his work elsewhere. He was really Karlheinz Weinberger, and his models weren’t professionals either. They were construction workers, bikers and hooligans—young mavericks and budding rebels up against the conservatism of the previous generation. They invented a style and direction of their own at a time when the very concept of youth was being redefined in post-World War II societies. They were the ironically self-proclaimed Halbstarken (greasers; literally, „half-strong“), whose fragility Weinberger captured, even when their charming, slightly ridiculous posturing turned into bravado.
These were bodies and lives on the fringes of the world, briefly objects of fascination tenderly approached by Weinberger in the shadows during impromptu shoots at his home or in the Swiss countryside and then immortalized in an œuvre that was sensitive, intimate and socially important, but was not fully recognized until the beginning of the 21st century. A unique body of work, in short, made up of declarations of freedom and vulnerability but also of moments stolen from productive time. So, no, Karlheinz wasn’t a professional photographer. He was an artist.
Jim n’était pas un photographe professionnel. Il était magasinier dans une usine Siemens, à Zurich. En fait, Jim ne s’appelait pas Jim. Il s’agissait d’un pseudonyme utilisé pour signer les images qu’il faisait publier dans la revue aussi gay qu’underground Der Kreis, des années 50 jusqu’à la fin des sixties. Il s’appelait Karlheinz Weinberger, et ses modèles, eux non plus, n’étaient pas des modèles professionnels. Ils étaient des ouvriers du bâtiment, des riders, des bikers, des hooligans. Des jeunes franc-tireurs et de tendres rebelles en butte au conservatisme de la génération précédente, qui inventaient leur propre style et leur propre chemin à l’époque où l’idée même de jeunesse s’élaborait dans les sociétés post-seconde guerre mondiale. Des Halbstarken — ou « half-strong » comme ils s’auto-baptisaient ironiquement — dont Weinberger capturait justement la part de fragilité résidant jusque dans le charmant et léger ridicule d’une posture parfois bravache.
Des corps et des vies en marge du monde, comme autant d’objets de fascination brièvement et tendrement approchés dans l’ombre, lors de séances improvisées chez lui ou dans la campagne suisse. Et immortalisés ensuite dans une œuvre à la fois sensible, intime et socialement cruciale, qui ne sera pleinement reconnue qu’à l’orée du 21ème siècle. Un travail unique, en somme, fait de déclarations de liberté et de vulnérabilité, mais aussi de moments volés au temps productiviste. Alors non, Karlheinz n’était pas un photographe professionnel. Il était un regard. Et surtout un artiste.
Für die inline-Plattform schwulengeschichte.ch hat David Streiff diesen Text zu Karlheinz Weinberger und zu sein Archiv Archiv verfasst (Stand Herbst 2025). Dessen Standort liegt seit April 2026 in Winterthur.
Das Karlheinz Weinberger-Archiv
Stand der Dinge

Weinberger auf der Terrasse seines Hauses an der Elisabethenstrasse, Zürich, Fotograf unbekannt
Der fotografische Nachlass von Karlheinz Weinberger (1921-2006) ist im Schweizerischen Sozialarchiv eingelagert. Seine hohe Bedeutung für die Sozial- und Schwulengeschichte unseres Landes ist unbestritten. Etliche Bücher erschienen im In- und Ausland. Viel ist also bekannt. Derzeit arbeitet sich ein Team durch die Fülle von Weinbergers Schaffen und entdeckt viel, auch viel Überraschendes.
Ein Text von David Streiff
Nichts Neues mehr?
Richtig zu entdecken ist er also nicht mehr, würde man meinen. Ganz anders sieht es dann aber aus, wenn man sich vertieft mit seinem fotografischen Oeuvre auseinandersetzt. Und das tut seit letztem Oktober ein kleines, drei Generationen umspannendes Team. Dieses besteht erstens aus Oliver Mueller, der sich seit langem um die Verbreitung von Weinbergers Fotografien kümmert und der für jedes sich stellende Problem Lösungen findet. Zweitens aus dem nach der Jahrtausendwende geborenen Severin Furer, Mitarbeiter des Schweizerischen Sozialarchivs, der sich mit jugendlichem Blick vom phänomenalen Reichtum dieser Hinterlassenschaft begeistern lässt. Drittens aus mir.
Diese vertiefte Beschäftigung hat keinen Selbstzweck. Sie ist unumgänglich, und ist verursacht durch die turbulente Geschichte, welche der Nachlass durchlaufen hat.
Zum Zeitpunkt, als ich dem 2019 erkrankten und 2020 verstorbenen Erben des Nachlasses, Patrik Schedler, versprach, Präsident einer noch zu schaffenden, Weinberger gewidmeten Stiftung zu werden, ahnte ich nichts von dieser Notwendigkeit.
Erst als die an verschiedenen Orten gelagerten Teile des Nachlasses (Zürich, Warth TG und Paris) im Sozialarchiv zusammenkamen, wurde deutlich, dass die Bestände über die Jahre durch die verschiedenen Nutzungen für Ausstellungen, Bücher und Transporte hoffnungslos auseinandergerissen worden waren.
Karlheinz Weinberger, Zwei Halbstarke stehen Modell in seiner Wohnung, um 1960

Übersicht gewinnen
Die Übersicht war auch deshalb in diesem Mass verloren gegangen, weil Weinberger selber kaum je etwas beschriftet oder datiert und kein Ordnungsprinzip angelegt hatte, wie es andere Fotografen taten. Er soll alles immer rasch gefunden haben, berichten Zeitzeugen, aber sein Prinzip der Aufbewahrung blieb sein Geheimnis.
So verfügen wir nur selten über originale Legenden zu den Bildern. Nur dank der Hartnäckigkeit von Pietro Mattioli wissen wir etwas mehr. Im Hinblick auf die Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich im Jahr 2000 löcherte Mattioli Weinberger mit Fragen zu den ausgewählten Fotos. Diese Informationen sind im Buch zur Ausstellung abgedruckt, aber auch dort ist alles im Ungefähren und von äusserster Knappheit.

Karlheinz Weinberger, Junge Rocker unterwegs, um 1970
Kurz: wir sahen uns vor die Aufgabe gestellt, eine neue Inventarisierung zu schaffen, die möglichst jeden Print, jedes Negativ, jedes Dia erfasst und später einen punktgenauen Zugriff auf das gesuchte Thema oder Subjekt erlaubt.
Was war die Lösung? Ganz banal eine Excel-Tabelle für die genannten Kategorien Print, Negativ, Dia, jeweils bei 1 beginnend.
Heute, zum Zeitpunkt dieses Zwischenberichts, haben wir 10 359 Prints (Stand Ende August 2025) einzeln oder in thematischen Gruppen eingetütet und durchnummeriert. Was uns dabei immer wieder überrascht und begeistert, ist die Quantität und Qualität von tausenden Prints, meist 24/18 cm (schwarz-weiss, Vintage, also vom Fotografen kurz nach deren Entstehung abgezogen), die bisher unbekannt geblieben sind.
Karlheinz Weinberger, Schwinger am Rocker-Camp

Dank Publikationen am besten bekannt sind die berührenden Fotografien von Halbstarken der Sechzigerjahre, die später zu Rockern wurden. Ab dann die Bilder der Hells Angels, bei denen Weinberger bis weit über die Neunzigerjahre hinaus exklusiven Zugang hatte. Auch hier sind viele Neuentdeckungen zu melden. Wirklich verblüffend ist hingegen, was wir während der Arbeit an meist männlichen Porträts, Aktfotos, Sportereignissen und Tattoos zu Gesicht bekamen: eine wunderbare Fundgrube für künftige Ausstellungen, Bücher, Editionen, Postkarten.
Wenn wir nächstens mit der Erfassung der Prints fertig sein werden, kommen die Negative dran – Leuchtpulte sind organisiert. Dann die vielen Dias. Dafür steht ein Projektor und eine Leinwand bereit – beides via Ricardo für 50 Franken erworben.
Viel Arbeit in Stille – mit viel Freude
Da wir absolut ohne Geld funktionieren, helfen uns Memoriav und die Heinrich Hössli-Stiftung bei der Entlöhnung von Severin. Wir hoffen, dank Doubletten1, die sich bei diesem punktgenauen Durchforsten der Bestände immer wieder finden, bald einen Webshop einrichten zu können, mittels dem wir eine Einnahmequelle erschliessen würden ohne die Bestände der Stiftung zu schmälern.

Karlheinz Weinberger, Rockermode, Siebzigerjahre
Für die gerahmten Editionen und Fotografien, die den Kunstmarkt interessieren, wird der Kunstvermittler Bob van Orsouw zuständig sein. Für Nutzung von Weinberger-Fotos in den Medien oder in der Werbung haben wir die Agentur Keystone gewinnen können. In New York unterstützt uns Bruce Hackney, der seit vielen Jahren den USA-Markt mit Weinberger-Fotos bedient.
Wenn es also etwas still um Karlheinz Weinberger und unsere Stiftung gewesen ist in letzter Zeit, dann hat das damit zu tun, dass wir derzeit in rückwärtigen Diensten tätig sind, mit anhaltender Freude am uns anvertrauten Material und Bewunderung für diesen aussergewöhnlichen Menschen und grossen Fotografen.
Die Rechte aller verwendeten Bilder liegen bei der Karlheinz Weinberger-Stiftung.
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Homoerotische Fotografie/Karlheinz Weinberger
Besondere Abonnenten/Karlheinz Weinberger
Patrik Schedler, Galerist
Website Karlheinzweinberger.ch
Schwulenarchiv Schweiz
Fussnote:
1 Gemäss dem Archiv-Auftrag, den die Stiftung sich gegeben hat, muss der ganze erhaltene fotografische Nachlass zusammenbleiben, nur zweite oder dritte Abzüge vom gleichen Negativ können veräussert werden: das sind Doubletten.